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"Diptychen - Werkzyklus
1994-98" von Wilhelm Drach |
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Ausstellungseröffnung
am 4. Oktober von 18 bis 20 Uhr
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| Dagmar Travner
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Ist das ein Fisch, der da springt?Über den Mödlinger Maler
Wilhelm Drach
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Maigrün. Manchmal knüpfen seine Einfälle für ein Bild an eine Farbe an. Um
das Maigrün, ein wirkliches und getreuliches Maigrün, gruppieren sich licht
abgetönte Frühlingsfarben, fast schon pastellig: Lachs, Himmelblau, Gelb.
Dazwischen Weiß. Über die selbst abgemischten Pigmentfarben kratzen stärkere
Töne direkt aus der Tube: Tiefgrün, Orange, Rot. Und über diesen
Frühlingsgrund schlängeln sich wiederum dicke schwarze Zeichen einer
verschlüsselten Schrift. Spuren auf dem Malgrund. Und dennoch ist das Bild
für jeden lesbar, da seine Sprache aus keiner willkürlichen Übereinkunft
heraus geboren ist, sondern Allgemeingültigkeit, Unmittelbarkeit besitzt.
Wahrheit. Dieses neueste Bild von Wilhelm Drach hängt derzeit noch in seinem
eigenen Wohnzimmer, und er selbst sagt dazu "Großes Bild der neuen
Serie",
Titel hat es keinen, er nennt seine Bilder nicht mit Namen, zumindest nicht
bei den neuen Serien. Er meint, ein Titel lege ein Bild zu sehr fest,
vielleicht fürchtet er auch, dieses Benennen, dieses Festlegen würde das
Bild einengen, beengen bis zur Bedeutungslosigkeit. Aber diese Befürchtung
ist gerade bei Drachs Bildern völlig unbegründet. Ja, seine Werke brauchen
zwar keine Titel, um verstanden zu werden, denn sie sprechen für sich, sie
sprechen Bände, sie schwätzen - aber diese Bände der Geschwätzigkeit könnten
eben darum durchaus poetischere Titel als einfache Zahlen tragen. In der Galerie Gabriel in der Wiener Innenstadt ist Wilhelm Drach dieses Jahr mit zwei Ausstellungen vertreten. Im Juni stand der Zyklus "Diptychen" im Mittelpunkt der Betrachtung und im Oktober ist die neue Serie zu sehen - mit dem Maigrün als Zentrum, ein Bild, das, ginge es nach dem Galeristen, in einem großen Firmenempfangsraum hängen sollte, und vor dem alle Besucher einen Kniefall zu machen hätten, erzählt Drach gut gelaunt. "Ich sehe einen Fisch, der springt," entschlüpft mir. "Jaja, das Blaue, nicht?", antwortet Drach unbeabsichtigt. Wilhelm Drach wurde am 5. November 1952 in Wien geboren. Er wuchs im Drach-Hof in Mödling auf, wo er auch heute noch mit seiner zweiten Frau Barbara Drach-Hübler lebt; 1968-72 besuchte er die Graphische Bundes-, Lehr- und Versuchsanstalt in Wien, 1972 fand bereits die erste Einzelausstellung in Mödling statt, daran schloss sich das Studium an der Akademie der Bildenden Künste, Meisterklasse Hollegha, bis 1977 an. Seitdem ist er als Künstler freischaffend tätig, seit 1983 unterrichtet er an der Graphischen BLVA "Darstellung und Komposition". 1972 -75 fanden insgesamt 4 Einzelausstellungen in Mödling, Schönau und Perchtoldsdorf statt. Dann gab es eine Ausstellungspause von fast 10 Jahren, wobei in das Jahr 1983 eine gravierende und nachhaltige Stilveränderung fällt, nämlich von einem expressiven Realismus zu einer sehr abstrahierten Figürlichkeit, die heute in weiterer Reduktion weniger Gegenstände als vielmehr bereits Zeichen darzustellen vermag. 1984 fand die erste größere Ausstellung in Wien statt, gefolgt von Ausstellungen im Ausland: Schweiz, Dänemark, Belgien, USA (ART LA 90). Seit 1995 gab es fast kein öffentliches Lebenszeichen des Künstlers mehr. Auch das Jahr 1995 markiert - wie schon 1983 - somit eine Zäsur, zumal auch der Tod des geliebten und sehr bewunderten Vaters in dieses Jahr fiel. Wilhelm Drach wartet schon am offenen Tor, nachdem ich mich vor ein paar Minuten beim Einparken telefonisch angekündigt habe: "Drach-Hof" prangt in großen grünen Lettern über dem schönbrunngelben Hof am Hauptplatz in Mödling. Jahrelang haben wir uns nicht gesehen. Sein langes wallendes Haar von früher ist einer sehr hohen Stirn und einem kurzem Schnitt gewichen. Ansonsten sieht er aus wie eh und je: gesund und braungebrannt. Sein markantes Profil ist ohne Schnurrbart noch markanter geworden, und er ähnelt zunehmend seinem Vater, dem Schriftsteller Albert Drach, Büchner- und Grillparzer-Preis-Träger. Den Drach-Hof ziert auch, wie fast alles in Mödling, die Plakette "Kulturdenkmal". Ich betrete den Drei-Kanthof durch ein großes zentrales Tor. Die beiden großen Hunde sind vorsichtshalber weggesperrt, damit ich mich bei der Begrüßung nicht schrecke. Aber die Hunde seien ganz freundlich, wird mir versichert. Viel hat sich hier im Hof nicht verändert seit meinem letzten Besuch. Durch eine kleine Tür seitlich im Hof betreten wir Wilhelms ehemalige Zwei-Zimmer-Wohnung, welche jetzt zur Gänze als Atelier dient. Wir schlängeln uns durch einen mit allem möglichen Gerät verstellten engen Gang hinüber zum Ort des Kunstgeschehens. Je näher wir kommen, desto mehr Leinwände stapeln sich. Noch durch die Küche mit jeder Menge Utensilien und: Wir sind "da". Der Teppichboden ist rohem Beton gewichen. Das frühere Wohnzimmer ist jetzt vollgeräumt mit Bildern, die zumeist an den Wänden stehen, manche hängen auch, einige kleinere liegen übereinander. Ich sehe noch genau die moderne Garnitur von damals und die riesige Plattensammlung vor mir. Der Nebenraum diente bereits als Atelier. Dort sind heute die in Arbeit befindlichen Serien und die meisten Diptychen aneinandergelehnt. Auf einem Tisch und vor allem direkt am Fußboden gibt es jede Menge Pigmente und abgemischte Farben in Fläschchen, Marmeladegläsern, Dosen und auch fertig gekaufte Farbtuben. Später sitzen wir auf der Terrasse im Stockwerk darüber. Drachs jetzige Wohnung führt direkt vom Hof über eine gewölbte Stiege in den ersten Stock. Sie ist wesentlich geräumiger. Von hier überblicken wir das ganze Gebäude. Der Teil drüben bei der Einfahrt ist 400 Jahre alt, Wilhelms Wohnung und Atelier 300 Jahre und der gegenüber, wo die Schwester mit Familie wohnt, 200 Jahre. Im straßenseitigen alten Teil wohnt die Mutter in der alten Familienwohnung. Hinten schließt sich ein großer Garten an; halb verwildert mit einem verwachsenen Klettergerüst und einer alten Kinder-Schaukel von den Schwesterkindern, kreucht und fleucht es mitten in Mödling von seltsamstem Getier. Ein bunter Specht hüpft an uns vorbei. Der Drach-Hof ist, so alt er auch sein mag, noch nicht so lange in Familienbesitz. Wilhelms Vorfahren stammten aus Spanien, ein Zweig der Familie ließ sich in Siebenbürgen nieder. Bram Stoker war während seiner transsilvanischen Erkundungsreise wochenlang Gast auf dem Anwesen eines Ahnen der Drachs, bis jener von diesem wieder hinausgeworfen wurde. Belegt ist dieses Zusammentreffen durch einen über Jahre geführten Prozess, dessen Akten leider verbrannt sind. Der Gastgeber fühlte sich von Stoker durch die Namensähnlichkeit in dessen Roman verunglimpft. Albert Drach musste als Jude 1938 emigrieren. Seine nicht-jüdische Mutter blieb zwar in Österreich, war aber vor Verfolgung nicht gefeit. Nach dem Krieg zog er unter großen Schwierigkeiten in einer kleinen Wohnung des enteigneten Drach-Hofs ein; der Rest war inzwischen vermietet und bis vor wenigen Jahren nicht wieder verfügbar; nun ist hier die Albert-Drach-Gedenkstätte eingerichtet. Wilhelm ist durch seine katholische Mutter nicht mehr dem Judentum zugehörig, er wurde aber auch nicht getauft. Er selbst meint, er sei ganz und gar konfessionslos aufgewachsen. Wilhelms Frau Barbara, die an der Graphischen BLVA das Fach Webdesign unterrichtet, besitzt vorne im Drachhof ihr eigenes Studio; ihre Arbeit an Wilhelms homepage ist unter http://www.drach.at zu bewundern. In der gemeinsamen, schwarz-weiß eingerichteten Wohnung sind die Farben der Accessoires punktuell gesetzt: "Das macht alles Barbara, sie legt viel Wert darauf". Auf der friedlichen sonnenbeschienenen Terrasse nimmt sich Drach beim Smalltalk kein Blatt vor den Mund. Die derzeitige politische Lage in Österreich sei eine einzige Katastrophe. Ein Gutteil der Wähler wisse gar nicht, wen und was sie mit ihrer Stimme eigentlich wählten. Und zu seinem Heimatort befragt: "Die Mödlinger mögen meine Bilder nicht. Es hat keinen Zweck, sie hier auszustellen. In meiner frühen Phase hatte ich hier zwei Ausstellungen, das ging ganz gut, aber da hab ich noch Landschaften gemalt." In jene Zeit falle auch seine intensive Beschäftigung mit Musik, die dann sogar eine Zeitlang dominant wurde. Ja, Bilder seien schon weiterhin entstanden, aber er habe viel komponiert, Texte vertont, Gitarre gespielt und gesungen. Ein paar Aufnahmen gäbe es noch, ja. Und die Vertonungen einiger Gedichte seines Vaters seien auch ganz gut gelungen, in Deutschland auch gesendet worden. Aber dann habe es genau zu jener Zeit einfach zu viel singende Maler gegeben, da habe er sich doch lieber ausschließlich auf die Malerei konzentriert... Später, sagt er, habe er sehr viel Zeit und Energie in ein Bildgeschichten-Projekt investiert, Kunst-Comics auf sehr hohem Niveau. Ja, daran erinnere ich mich noch gut, an die eindrucksvollen Blätter, expressionistisch anmutend und penibelst ausgeführt, die mir Wilhelm damals enthusiastisch vorführte. Leider habe der ursprüngliche Verlag zugesperrt, und andere wollten ein so aufwendiges Projekt, mit nur ein bis zwei Stories pro Jahr, nicht ins Programm aufnehmen. In das Jahr 1983 fällt dann die gravierendeste und nachhaltigste Stilveränderung. Damals im Sommer war Wilhelm in einer ungeheuren Aufbruchsstimmung; er war einerseits deprimiert durch seine Scheidung, andererseits euphorisch, als er von dem Bruch mit seinem alten Malstil - expressiven Landschaften und Ansichten - erzählte. Über Wochen hatte er damals nächtelang gearbeitet, wie in Trance, ohne zu wissen, wohin sein Weg ihn führen würde. Das Ergebnis war Aufsehen erregend: Bilder, die verblüfft innehalten ließen, damals schon, und die Anerkennung blieb nicht aus. Seine Bilder begeisterten sofort auch Galeristen, die erste größere Ausstellung wurde vorbereitet. In jener Energie geladenen unruhigen Lebensphase war der Maler jeden Abend im Alt-Wien zu finden, anfangs eher zu später Stunde, dann die letzten Jahre auf den Nachmittag verlegt. Abendessen im "Bei Max". Aber ein Fixpunkt im Jahr blieben immer die drei Augustwochen am Weißensee, mit seinem Vater, ein über Jahrzehnte wiederholter Urlaub. Sogar und erst recht dann, als sein Vater schon fast erblindet war und nur durch seinen Sohn die Landschaft um ihn herum vermittelt bekam. "Jetzt male ich nur tagsüber, mein Lebensrhythmus hat sich geändert und in der Nacht wäre es auch sehr viel schwieriger bei diesen Farben, die so Ton in Ton sind, die sieht man bei Kunstlicht nicht... Diese Erde auf dem Bild ist im Originalfarbton, das bleibt so, das verändert sich nicht mehr. Die Erde ist zum Teil Blumenerde, oder ich weiß nicht... einfach von da." Zum Ausgleich hat Wilhelm Drach das Golfspielen für sich entdeckt. Die dabei geforderte Konzentration ist unter anderem ein sehr wichtiges Element. Seither sind seine Bilder wieder luftiger, warm, fröhlicher, auch wenn sie nach wie vor spröde sind, jedoch gewollt. Die beiden nebeneinander zu hängenden Teile der Diptychen, Drach nennt sie auch die "Zweigeteilten", stehen im Gegensatz zueinander, wobei der eine sehr pastos gemalt, oder auch mit Materialien bestückt, der andere bei den zuerst entstandenen Bildern sehr flach gemalt und bei den späteren dann ganz monochrom ist. Also keine narrative Form, sondern einerseits Widerspruch und anderseits Betonung und Intensivierung des zeichenhaften Teils. Diese Collagen - Acryl auf Leinwand mit Wellpappe, Holz, Erde, Sandpapier, Stroh, alles Mögliche - gibt es nur bei dieser Serie: Grundmotiv in diesen Werken sind Zeichen im weitesten Sinne, die noch Anklänge an das Figürliche sichtbar machen, jedoch Schriftzeichen ähnlich, in ihrer Abstraktion schon sehr weit fortgeschritten sind. Das Spiel zwischen aufgegebener Figuralität, noch nicht vollständiger Abstraktion und Zeichen, die noch bar jeder übereingekommenen Interpretation sind, liefert eine überraschende innere Wahrheit, die weit entfernt von jeder "Gegenstandlosigkeit" ist, aber man könnte diese Werke gut und gern als "gegenstandsfrei" bezeichnen. Sprachlich könnte vielleicht diskutiert werden, ob jenes Bild mit dem rost-bordeauroten Farbteil aufkeimenden Frühling darstellt, erste Wärme aufsteigend aus kalten Winterfarben, oder ob hier zwei dunkle Frauen die Walpurgisnacht erwarten. Aber sind die Emotionen, die diese Assoziationen wachrufen, wirklich verschiedene? Ist es nicht vielmehr so, dass wir, gleich einem Traum, unser inneres Erleben, unsere inneren Bilder, nicht in adäquate Worte fassen können? Drach hat mit Vorarbeiten insgesamt 7 Jahre an den Diptychen gearbeitet, was in einer Serie von über 40 Bildern Ausdruck fand. Unterbrochen wurde diese Arbeit durch die Pflege und die Begleitung seines todkranken Vaters Albert Drach. Sein Tod ist noch bei viel später entstandenen Bildern als deutlich sichtbare dunkle, ja schwarze Zäsur erkennbar. "Die früheren sind in einer sehr dunklen Farbigkeit, die Erdfarbe... möglicherweise hat sie auch damit zu tun... da war mein Vater schon sehr schwer krank, und das ist mir damals auch gar nicht aufgefallen, dass sich das so niederschlägt. Ja, also das Allererste ist drei Jahre herumgestanden, dann habe ich mit der Serie weitergemacht, schließlich ist das Allererste auch nicht als Erstes fertiggeworden," Drach arbeitet in Serien, einige Wochen lang und macht dann ein, zwei oder auch mehr Monate Pause dazwischen. Diese Pausen sind eminent wichtig für den Schaffensprozess, neue Ideen entstehen, Änderungen ergeben sich, andere Farben, Strukturen, Strichführungen. Da er in Zyklen arbeitet, schleicht sich bei den letzten Bildern einer Serie immer eine ungewollte Perfektion ein, eine Glätte, die der Künstler aber ablehnt. Bevor die Bilder gefällig werden, bricht er diesen Prozess ab. Das ist auch der Grund, warum Drach immer wieder die Malutensilien wechselt, das heißt, über den gut zu handhabenden Pinsel hinaus, auch Spachtel, Besen und ähnliches verwendet, und bei seiner neuesten Serie einfach Farbe direkt aus der Tube aufträgt. Die Materialien werden, genau geplant, entsprechend der Bildidee gewählt. Zunächst gibt es eine sehr konkrete Vorstellung; während des Arbeitsprozesses ergeben sich dann immer wieder Änderungen im Detail. Er arbeitet üblicherweise an mehreren gleichzeitig: drei, vier, fünf oder mehr. Manche werden nach Tagen oder Wochen fertig, einige brauchen Jahre, andere werden gar nicht fertig. Drach trinkt seinen Illy-Macchiàto aus: "Wenn's dann lang herumsteht, und nichts mehr geschieht, dann signier ich's. Nur einige wenige Bilder sind sicher davor gefeit, übermalt zu werden, bei vielen können, trotz Signatur, Jahre später noch Änderungen passieren. Im Grunde ist es fertig, wenn's verkauft ist. Weg." |
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(Erschienen in morgen 06-07/2000) |
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