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Nass glänzendes Orange-Rot verschwimmt auf der hurtig mit zwei Pinseln bearbeiteten Leinwand; drei Suppenteller mit frisch angemischter Farbe bilden Seen opulenter Farbenpracht. Schwarze Gaze, bestickt mit filigranen Figuren - einer Zeichnung gleich - wird vorsichtig auf die Leinwand gelegt, unbehandelte
weiße Gaze kommt hinzu. Durch die Acrylfarben haftet Stoff auf Stoff, eilig wischen die Pinsel über das Material: Karmesinrot, Magenta, Cadmiumorange kontrastieren wirkungsvoll mit der schwarzen Textilstruktur. "Viele Künstler lassen die Leinwand um den Rahmen
weiß, doch für mich gehört dieser Teil zum Bild!", kommentiert Helga Cmelka, während sie den Keilrahmen scharlachrot einstreicht, in einer raschen Bewegung die überstehende Gaze herumlegt, hinten
fest tackert - "fertig!". Bis die erste Schicht trocken ist,
heißt es geduldig zu warten, bevor weitere Farbaufträge folgen können.
"Der Faden ist die Linie, die Nadel der Bleistift", so Cmelka. Wider den Fadenlauf präpariert, fügt sie der Leinwand eine zusätzliche textile Struktur hinzu. Unter Anwendung klassischer Prozeduren der Stickerei wie Fäden-Ziehen, Schlingen, Verknüpfen, Sticheln entstehen eigenwillige Kompositionen: konkav Gebogenes, Sicheln, unregelmäßige Zickzack-Linien - metaphorisch etwa: Augen, Muscheln, Wunden, Vulven, Würmer, Schlangen -
"Sticheleien", die an Klee erinnern. Die Vorbereitungen an dem strukturgebenden Gewebe entpuppen sich als langwierige, mühsame Kleinarbeit, der die darauffolgende
Farbexplosion entgegensteht. Im Atelier von Paliano fand die italophile Künstlerin zu "ihrer" Farbe zurück: "Herz ist rot, Blut ist rot, die Hitze ist rot". Trotz der Dominanz von Rot-Variationen, wählt sie aus dem gesamten Spektrum; treffsicher schafft sie Harmonien, setzt pointiert komplementäre Akzente. Die Farbpigmente ersteht Cmelka am liebsten in Venedig, wo die wunderbare Welt der Expressivität offen in Papiertüten nach Gewicht erhältlich ist: rosso fuoco, arancio ercolano, giallo di Napoli, azurro oltremare, blu di Parigi, verde veronese, solfuro di cadmio, rosso brasileina, nero di sepia. "Das ist wie in einem Zuckerlg'schäft!"
Die Siebdrucke wiederholen das Motiv des feingesponnenen Netzwerks: Farbgesprayte bearbeitete Gaze wird fototechnisch auf das Sieb verbracht, dadurch kann die Struktur des Textils in all ihren eigentümlichen Facetten dargestellt werden; das changierende, quasi dreidimensionale Faltengewebe wird durch variierende Abstände des Siebes zur Papieroberfläche erzeugt.
Die Gaze selbst eignet sich ideal als Strukturträger - auch für die Acrylbilder. "Die Gaze verwendest zum Radieren, zum Plattenauswischen, die lag in Bündeln bei mir herum, und da hab ich mir dacht, okay, probierst es einmal damit!". Die geringe Saugkraft kam Cmelkas reicher Farbgebung optimal entgegen. Denn im Gegensatz zur Jute, die nach dem Trocknen stumpf wird -
"Das kommt im tollsten Rot daher, und wenn's dann trocknet, ist fast nichts mehr sichtbar" - erhält die schleierartige Gaze die Farbe in vollem Umfang.
Transformationen. Das Verwerten von Vorgefundenem, Modifikationen innerhalb der eigenen Materialität, ist typisch für Cmelkas Arbeitsweise: Sie zieht Fäden, schneidet auf, franst aus, lockert, verschiebt, spreizt, bündelt, verdichtet, näht und stickt allein mit den bereits gezogenen Fäden ins Material, sodass Zeichnungen, Muster im Textil entstehen. Ent-Fremdungen, ohne Verwendung von Fremd-Material, durch Umarbeiten, Umstrukturieren, Umwandeln. Erhaben - über der Leinwand, der Bildebene - werden in doppelter Textur Risse, Nähte, Faltungen, Aufspreizungen, Minimalabstände, Zwischenräume ganz konkret gebildet; in die nicht durch eine Signatur durchbrochene Komposition sind Ränder und Rahmen miteinbezogen.
Helga Cmelka bezeichnet ihre Arbeiten als "Verletzungen", die sie dem Gewebe zufügt. Eine angesichts ihrer intensiven Rot-Bilderserien vom konservativen Publikum bestens verstandene Botschaft - nicht von ungefähr muss sie sich einen "Nitsch" nennen lassen, wenngleich sie diese Bezeichnung ehrt, wie sie selber sagt. Ein Handarbeits-Nitsch vielleicht? Blutrote Jute-Stickerei in Fetzen: Der Albtraum um jede selbstgefertigte, grossmütterliche Ausstattung... Und in mythologische Rhetorik überhöht, spiegelt sich die Dekonstruktion überlieferter Verhaltens-Muster im von Elisabeth Schawerda formulierten Titel für ihr gemeinsames Buchprojekt im Thurnhof Verlag wider:
"Penelope webt nicht mehr". Denn Penelope hat sichtlich genug vom zermürbenden Warten auf Ver-Änderung; bevor sie weiterhin überholten Er-Wartungen entspricht, kauft sie sich lieber Wirkware im Supermarkt und schnipselt ihr eigenes Muster hinein. Völlig kompromisslos.
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