| Dagmar Travner
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Schwarze Erde - helles Gold Über die alchimistische Kunst
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Die Natur gibt nichts an den Tag, das vollendet sei, sondern der Mensch muss es vollenden. Diese Vollendung heißt Alchimia. Ein Alchimist ist der Bäcker, indem er Brot backt, der Rebmann, indem er den Wein macht, der Weber, indem er das Tuch macht. (Paracelsus, Paragranum, 1530)
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Lesen dieses Zitats von Paracelsus wäre man fast versucht zu sagen - alle Kunst, alle Bilder, alles Bildende und Gebildete,
alles Formende und Geformte sei Alchimie. Zu solch vorbehaltloser Aussage sollte man sich
jedoch nicht vorschnell verleiten lassen. Worin bestehen eigentlich die Gemeinsamkeiten zwischen Alchimie und bildender Kunst, den geformten
Bildern und gebildeten Formen?
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| Vier Elemente | ![]() |
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Grundlegend für das Verständnis der Beziehung zwischen Alchimie und Kunst ist die Lehre von den Elementen. Erste Denkansätze führen in die Zeit der ägyptisch-griechischen Antike. Die Naturphilosophen und später Aristoteles hatten ein durchdachtes System der Elemente entworfen, das beispielsweise den Grundstein für das Atommodell und das Periodensystem legte. Bereits vor und in der klassischen Antike gab es im Raum China, Indien und Griechenland verschiedene Abarten der Fünf-Elemente-Lehre - in letzterem zunächst formuliert von Empedokles als die "vier Wurzelgebilde aller Dinge", nämlich Wasser, Erde, Luft, Feuer. Aristoteles entwickelte die Lehre von diesen vier Elementen (stoiceι̃a) mit ihren Eigenschaften: warm, kalt, trocken, feucht; darüber hinaus entwarf er das fünfte aristotelische Element, den Äther (αι̉θήρ), der in höheren, nicht irdischen Sphären angesiedelt war und alle Eigenschaften vereinte. Diese feinstoffliche quintessentia auf die Erde zu holen, war das vorrangige Ziel der Alchimisten. Die prima materia, die ̉ύlh prwtή (Hippokrates), das Chaos oder der "finstere Klumpen" - entstanden aus dem Fall Luzifers und Adams -, de facto Schlamm, Ton, Erde, Blei oder "Schmutz", sollte mit Hilfe des Steins der Weisen in vollkommene Materie, also in Gold, wörtlich wie auch metaphorisch gesprochen, transmutiert werden - aber nur der weise, reine Geist konnte diese Verwandlung vollenden. Den vier Stufen der alchimistischen Rotation entsprachen vier Farberscheinungen: Schwärzung, Weißung, Gelbung, Rötung - wie in der frühesten griechischen alchimistischen Schrift (Demokrit zugeschrieben, 2. Jh. v. Chr.) dargestellt. Scheiden und Verbinden, Sublimieren und Kondensieren waren wichtige Vorgänge in der Alchimie, an ihrem Höhepunkt führten sie zur "chymischen" Hochzeit, der Vereinigung von Sonne und Mond, Himmel und Erde, feurigem Geist und wässriger Materie. Wie schon Empedokles kannte die hermetische Lehre zwei Sonnen und zwar die helle Geist-Sonne, die dem philosophischen Gold entsprach und ihren Gegensatz, die finstere, natürliche Sonne und das materielle Gold. Demgegenüber stammt die Vorstellung vom belebenden Feuer - welches von Heraklit als das "künstlerische", das alle Materie durchdringende, bezeichnet wurde - aus der persischen Magie. Das philosophische Gedankengut führte zusammen mit dem praktischen Wissen um Natur-Prozesse - durch die große empirische Erfahrung auf der Suche nach dem Stein der Weisen - zu den heute praktizierten modernen Naturwissenschaften.
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| Schwarzkunst
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Was bedeutet nun das Wort Alchimie, Alchemie oder Alchymie eigentlich? Woher stammt es? Sprachlich gesehen hat der Begriff, zu deutsch Alchimie oder Alchemie, die "Goldmacherkunst" oder "Schwarzkunst" eine recht beredte Geschichte hinter sich. Das koptische khe bedeutete schwarze Erde und speziell Schwarzfärbung von Stoffen beziehungsweise Metallen. Parallel dazu gab es auch in China die Kunst der Elementumwandlung, die lien kem shu (in kantonesischer Lautung) genannt wurde. Das griechische chemeia (chmeίa) oder chymeia (cumέia) bezeichnete das Schmelzen und Gießen von Metallen beziehungsweise die Kunst der Metallverwandlung, könnte aber auch maßgeblich vom ägyptischen Namen für "Ägypten", übersetzt "Schwarzland", geprägt worden sein und etwa "ägyptische Kunst" bedeuten. Ferner beeinflusst wurde der Begriff durch eine Wechselwirkung mit dem Arabischen al kimiya, "Stein der Weisen", und der damit verbundenen Lehre. Über das arabisch-spanische alquimia und das latinisierte alchemia fanden Wort und Lehre Eingang ins französische, italienische, deutsche, britische Mittelalter. Doch im Grunde genommen gibt die genaue Etymologie des Wortstammes kem Rätsel auf und lässt sich nicht mehr gesichert zurückverfolgen. Im eingangs zitierten Text beschreibt Paracelsus alltägliche schöpferische Transmutationsprozesse - welche das Wesen der Alchimie darstellen. Ein Element in ein anderes zu verwandeln ist heutzutage für Kernphysiker nicht mehr unmöglich. Und nur mehr ein kleiner Schritt trennt sie von dem bislang Undenkbaren - aber so oft Gedachten: Ein "unedles" Metall in Gold zu verwandeln. Oszillierende Zustände zwischen Materie und Energie sind in der Quantenphysik übliche Denkmodelle. Alchimie steht für Verwandlung und Vollendung, das heißt Transmutation in einen anderen, erstrebenswerteren Zustand - was sowohl Neuerschaffung wie auch Heilung bedeuten kann. Rückblickend kann die Alchimie unter verschiedenen Gesichtpunkten betrachtet werden: Einmal als Vorläuferin der Chemie, Stöchiometrie, Metallurgie, Pharmazie, Homöopathie (Schüssler Salze) und Medizin - kaum jemand denkt daran, dass Paracelsus Alchimist war. Zweitens als schier unerschöpfliche Quelle eines komplexen Symbolsystems, in dem Archetypen und Bildmetaphern miteinander verwoben sind. Des weiteren unter psychologischen Gesichtspunkten, einer rein innerlichen Sicht, das heißt als Entwicklung und Wandlung der Seele, als Individuationsprozess, wie beispielsweise von C. G. Jung sehr ausführlich dargestellt. Oder als eine Form mystischer Erfahrung, die das Geheimnis der gleichzeitigen Transformation von Seele und Materie birgt. Und nicht zuletzt ideengeschichtlich, nämlich als aufschlussreiche Zeitdokumente des jeweiligen Autors, Künstlers oder Musikers.
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| Geist und Materie
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Schmelztiegel, Destillierkolben, Phiolen, Mörser - längst ist die Vorstellung vom kleinen verhutzelten Männchen, das im finsteren Gewölbe bei flackerndem Feuerschein seltsam blubbernde Flüssigkeiten destilliert, überholt. Wir wissen inzwischen, dass die geistig-seelische Komponente der materiellen ebenbürtig war. Doch in unserer Zeit, nachdem sich die Chemie als Materialität abgespalten hat, überwiegt im alchimistischen Selbstverständnis eine Betonung der reinen Spiritualität, die in Bewegungen wie Astrologie, New Age, Esoterik oder auch Gothic in Form von leeren Symbolen und Anhängseln zum Ausdruck kommt (Sternzeichen-Edelsteine, Uroboros-Ringe, Farben-Deutungen beispielweise). Ora et labora! Der Spruch des hl. Benedikt "Bete und Arbeite!" trägt in der alchimistischen Tätigkeit eine tiefere Bedeutung. Aufschlussreich hiezu erweist sich ein bemerkenswerter Fund aus dem 16. Jahrhundert im Schloss Oberstockstall bei Kirchberg am Wagram (Niederösterreich). Die hier entdeckte Alchimistenwerkstatt befand sich unmittelbar an der Kirche mit Sichtluke auf den Altarraum und diente gleichzeitig als materielles Laboratorium sowie als spirituelles Oratorium. Tiefreligiöse Gläubigkeit und gottesfürchtige Demut machten den Alchimisten zu einem Diener des Lebens und - trotz oder gerade auf Grund aller Erkenntnisse, die er gewann, maß er sich nie an, sich als Meister über Leben und Tod zu fühlen oder sich gar an die allmächtige Stelle Gottes setzen zu wollen.
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| Die
smaragdinische Tafel
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Den "elementaren" Grundstein zur spirituellen Suche nach dem Stein der Weisen - um zu Weisheit und geistigem Reichtum zu gelangen - legte die tabula smaragdina. Der Neuplatonismus der italienischen Renaissance war ein fruchtbarer Nährboden für die Synthese platonischer Ideen und spätantiker okkulter Philosophien; so ist beispielsweise die umfangreiche Zahlenmystik in der Alchimie u. a. auf das Einfließen der Kabbala in den Neuplatonismus zurückzuführen. Das corpus hermeticum, darunter vor allem die tabula smaragdina, spielte seit Jahrhunderten bereits eine zentrale Rolle; es wurde Hermes Trismegistos, dem dreimal großen Hermes, einem mystischen Weisen aus Ägypten zugeschrieben, welcher schon Platon maßgeblich beeinflusst haben soll. Hermes soll vor oder zu Moses' Zeit gelebt haben, daher galten im alchimistischen Umfeld die hermetischen Texte als gleichwertig mit der Genesis - also auch mit der biblischen Schöpfungsgeschichte und den zehn Geboten. Der als ursprünglich geltende, kürzere überlieferte Text der tabula smaragdina hermetis lautet in Verbalübersetzung:
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Was das Untere ist, ist wie das, was das Obere ist. Und das, was das Obere ist, dient, wie das, was das Untere ist, um die Wunder einer Sache zu Stande zu bringen. (Verbalübersetzung von |
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Die Geschehnisse des Makrokosmos ereignen sich auch im Mikrokosmos. Was Außen ist, ist auch Innen. Das Irdische kann sublimiert werden zu einer höheren Stufe, wobei die Transmutation, die Verwandlung eines unedlen, etwa Quecksilber oder Blei, in ein edles Material wie Silber oder Gold nicht nur ein materieller, sondern auch ein geistiger oder seelischer Prozess ist. Eines greift ins andere und ist getrennt nicht vorstellbar. Einseitigkeit widerspricht dem Wesen der Alchimie. So muss auch jeder alchimistische Text sowohl wörtlich, also als laboratorische Versuchsanordnung, als auch in übertragener, spiritueller Bedeutung gelesen werden. Die komplexen Zusammenhänge von chymischen Verbindungen, Zahlenmystik, Arzneien, Mineralien, Farben führten in eine uferlose Vielfalt. Gerade die Vieldeutigkeit machte die Qualität aus, ermöglichte sie doch über die Jahrhunderte eine schier unbegrenzte Anzahl an Interpretationen.
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| Helle
Sonne
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Das Zusammenspiel von Geist und Körperlichkeit, physischem Ausdruck und seiner intuitiven Deutung spielt auch in der Kunst eine wesentliche Rolle. Für den künstlerischen Schaffensprozess bedeutet dies, dass ein Werk nicht nur aus der bildlichen, symbolischen oder spirituellen Ebene besteht, sondern dass es, um in unserer Lebenswelt überhaupt anwesend zu sein, einer gewichtigen Materialität bedarf: Leinwand, Holz, Stein, Lösungsmittel, Pigmente und so weiter. Diese chemische Qualität nehmen wir durch die Gesetze der Physik, durch biochemische Vorgänge und schließlich durch neurologische Prozesse wahr. Erst durch die Wahrnehmung kommt die Spiritualität zum Vorschein, nämlich durch den Geist (noũV), die Seele (yucή) und das Wort (lόgoV) - ein Übersetzen ins Symbolhafte. Ein Werk, das die geistige Seite vergisst, mag zwar schön anzusehen sein, bleibt aber hohl und oberflächlich. Doch ein rein vergeistigtes Werk wiederum verharrt im Konzept, und wenn die Ausgestaltung zu wünschen übrig lässt, wird auch seine Botschaft ungehört bleiben. Sowohl Sinnlichkeit wie auch Inspiration - göttliche Eingebung - sind also gleichermaßen gefragt. Genauso muss die einstige Alchimie vorgestellt werden - als ein ständiges Über-Setzen in unterschiedlichste Systeme, als ein Hin-und-her-Wechseln zwischen den Welten und ein In-Allem-Sein. Ein sich Verabschieden in die reine Spiritualität war für den Alchimisten ebenso wenig denkbar, wie die Beschränkung auf die materiellen Vorgänge im Lab-Oratorium. KünstlerInnen sind Alchimisten. Sie verwenden Rohstoffe, suchen sich die geeignete prima materia, und verwandeln sie in ein Bildnis, das letztendlich die Quintessenz all dessen beinhaltet, was sie darstellen möchten. Immer sind sie auf der Suche nach dem Stein der Weisen. Sie bedienen sich dabei der ihnen zur Verfügung stehenden Elemente: Erde und Wasser, Luft und Feuer im Licht der erleuchtenden hellen Sonne. Feucht sind die Farben, das Bild trocken; bei Skulpturen und Keramiken kommen Hitze und Kälte als wesentliche Eigenschaften hinzu.Der/Die KünstlerIn bewegt sich wie kein anderer in der heuten Zeit zwischen der materiellen und der ideellen Welt - das Werk oszilliert zwischen beiden Zuständen hin und her, gleichsam dem Photon, das sowohl Welle wie auch Teilchen ist. Dieses Licht erst ermöglicht den Blick des Kunstwerks ins Auge des/der Schauenden, es sieht ihn/sie an und es geht ihn/sie etwas an: Ça lui regarde - um mit Jacques Lacan zu sprechen. Das Werk ist eine Gratwanderung zwischen den Welten, ein Ding, das Ding mit zwei Aspekten, je nach Blickrichtung. Wie in der Alchimie schlägt sich die ureigenste Geisteshaltung im Werk wieder - Inspiration, Glaube, Spiritualität sind die Quellen, aus welchen geschöpft wird und die sich im materiellen Werk manifestieren und spiegeln.
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| Kunst als Alchimie
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Die alchimistische Haltung kann sich in vielfältigen Formen zeigen: Zunächst im spirituellen Habitus, in der Lebenseinstellung schlechthin, indem sich der/die KünstlerIn als Teil des Kosmos sieht, das Werk als Splitter des Ganzen versteht, bei der Arbeit auf die Sphärenmusik im Inneren hört - denn alle Kunst ist Neuschöpfung, Umformung, Suche nach der Quintessenz. Dann kann er/sie sich der komplexen Metaphorik und Symbolsprache der Alchimie bedienen, die bestens geeignet ist, dem einzelnen Werk Tiefe zu verleihen, Bedeutungsambiguität und dadurch Mehrstimmigkeit zu erzeugen. Und dann kann er/sie ganz schlicht alchimistische Aspekte metonymisch darstellen: ein pochendes Herz, giftschöne Chemikalien oder ein Portrait von Paracelsus, beispielsweise. Immer eingedenk der drei Ebenen, die in der Kunst wiederholt ins Spiel kommen: neben der realen finden sich die symbolische und die imaginäre unauflöslich ineinander verschlungen. Fast zwei Dutzend KünstlerInnen haben sich im Rahmen des Badener Kunstvereins zusammengefunden, um die Nähe der bildenden Kunst zur Alchimie zu veranschaulichen. Diese KünstlerInnen verbindet einerseits die Auseinandersetzung mit dem Thema, anderseits die Geisteshaltung beim Schaffensprozess. Der Kurator Christian Einfalt hat sich für die Ausstellung eine Gruppe von KünstlerInnen gesucht, die ihre kreative Kraft aus einer "Verdichtung des Kosmos" schöpft. Für ihn haben alle diese KünstlerInnen gemein, dass sie nicht nur im Themenkreis einer mit "Alchimie" betitelten Ausstellung diesem Gedankengut sehr nahe sind, sondern dass ihre Verfahrensweise auf dem Weg zum schöpferischen Akt als alchimistisch bezeichnet werden kann - in etwas stärkerer Verwurzelung, als man ja, wie schon erwähnt, ganz allgemein gesprochen in der bildenden Kunst finden kann.
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(erschienen als Katalogtext zur Alchimieausstellung des |
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