Dagmar Travner

 

DIE ÖSTERREICHISCHE HASSLIEBE ZUM DEUTSCHEN

- eine gefährliche Liebschaft?

1.Jänner 1995. Das Neue Jahr beginnt für Österreich mit einem Ereignis besonderer Art: der langersehnte EU-Beitritt. Die Rede des Bundespräsidenten kreist lehrerhaft um dieses Thema. Und die Abendnachrichten bringen das happy end der love story ebenfalls ausführlich: Zeremonien und Feiern in Brüssel, kurz Jubel, Trubel, Heiterkeit... Dann zwei Bildberichte von den Grenzen: nun offene Grenzen. Erst Walserberg: Die "letzte" Zollkontrolle und die Zöllner, die ihre Uniform wortwörtlich "an den Nagel hängen"; und dann? Dann Braunau (!): die jubelnde Menschenmenge auf der Grenzbrücke über den Inn. Also da hätt's doch nettere Grenzstädtchen bzw. -brücken gegeben. Aber natürlich ist in Braunau der Jubel am größten. Das kann man den übrigen ÖsterreicherInnen doch nicht vorenthalten... Kein Wort von Italien. Warum nicht Thörl-Maglern? Eines ist klar: die Bedeutung des EU-Beitritts, die Freude, der Jubel, betrifft einen bestimmten Nachbarn, nämlich einen besonderen. Deutschland ist uns (wieder?!) sehr viel näher gerückt.

Erst Tags darauf die Berichterstattung über die Grenze zu Italien. Das Fest am Brenner. Die Grenzöffnung zu "Südtirol"...

Was bleibt: Die erst vor wenigen Jahren entspannten östlichen Grenzen zu Österreich werden wieder verschärft. Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien sind ferner denn je... denn Österreich ist zur Außengrenze der EU geworden.

Österreicher gegen Piefke

"Großer Bruder" Deutschland: ein wünschenswertes Attribut? Deutsche Touristen und der Stolz der Norddeutschen auf ihr "wahres einziges und korrektes" Deutsch: übertrieben aspiriertes Thathü-thatha und K(n)ack-A und durch und durch Ich-Laute...

Ach, dafür kennen die guten Deutschen mit ihrem "reinen" "einen"(?) Deutsch leider keine Höflichkeit; harsch und flegelhaft hören sie sich für unser österreichisches Ohr an, nicht einmal die primitivsten Anredeformeln beinhaltet ihr "hochdeutscher" Sprachstil. "Guten Tag, gnä' Frau" - französische Filme müssen sie mit: "Guten Tag, Madame!" übersetzen, in Ermangelung einer deutschen Anrede - wenn sie nicht den Namen dazuerfinden wollen: "Guten Tag, Frau Schmitt!" etwa.

Die Piefke sind wieder da. Schnell schnell werden die Speisekarten (in DM-Preisen, dafür ein bißerl teurer!) geändert: Quark-Sahne-Torte (was ist das eigentlich? Ich habe bisher immer nur eine gewöhnliche Topfentorte serviert bekommen!), Eisbein (?: Schmeckt wie Stelze)...

Frittatensuppe: Pfannkuchenstreifchenkraftbrühe? Strangerln, Fisolen: Grüne- oder Garten-Bohnen? Kukuruz, Türken: Mais? Kasnudln: Kärntner Käseklöße? Kutteln: Kaldaunen? Karfiol, Ribiselsaft, Schwarzbeertorte...??? Und ein Bub oder Knabe ist ein Junge oder ein Junges?

In einer österreichischen Hörersendung waren folgende Äußerungen über Deutsche zu vernehmen:

"Aber für mich ist halt der Bayer fast ein Österreicher, weil er durch die Sprache, weil er durch den Dialekt... Die reden ja doch fast so wie die Oberösterreicher", "die Deutschen sind die präpotentesten Besucher, die, die am meisten nörgeln, die mit allem unzufrieden sind...", "De san wirkli unguat, und dann sans belehrend, de nörgeln an allm herum... Von zehn Daitschn kannst sagen, san naine unguat und da Zehnte is sicha a Bayer!"

Es ist eine Haßliebe, oder? Im Kärntner Seengebiet kommt die Piefkelawine im Sommer angerollt. Dann tuns den Deutschen schön, dabei sinds froh, wenn die wieder fort sind, die, in ihren kurzen Hosen, Sandalen mit Socken, lautem Gerede, ihrer Überheblichkeit: "Wir sind auf Urlaub, lassen wir doch die Sau heraus!" Im Winter erholen sich die Sommersaisonregionen. Aber erholen sich ihre Bewohner wirklich von den Deutschen?: Im Winter, wenn Zeit ist, scheinen sie vielmehr am Stammtisch der Deutschtümelei zu frönen...

Denn die Slowenen "lieben" sie noch viel weniger, da muß dann der redegewandte Führer her, da propagieren sie dann doch lieber den Anschluß an die deutsche Kultur. Nach dem Motto: Der Hitler, der geht uns nix an, der war ja a Deutscher, aber Beethoven, der is a Österreicher, da zeig'ma de Komponierhäuser her.

Und den Deutschen von der Spezies "feindliche Ausländer" gegenüber ist von der "Liebe" schon gar nichts mehr zu erkennen. Studenten? Sind die vielleicht Linke? So alte Ossis?

Die können sogar als "noch besonders zu Beobachtende" eingestuft, "abgestempelt" und somit schikaniert werden. Es bereitet dem altösterreichischen Amtsschimmel gar keine Mühe, verdächtige Subjekte zu vergraulen. Das bedeutet auf österreichisch "Pragmatik": "Dienstordnung für Beamte", dafür kann man auch "pragmatisiert" werden - was sich gefährlich anhört und es auch ist: Es bedeutet nämlich "lebenslänglich beamtet".

Österreich spricht/ist Deutsch?

Österreich spricht österreichisches Deutsch, spricht seine eigene Sprache (!), welche zu Unrecht oft als "Dialekt" abgetan wird. Abgesehen davon erinnert die gefährliche Folgerung: "Wir sprechen Deutsch, also sind wir Deutsche" frappant an die von den Nationalsozialisten vor 50 Jahren gestellte Forderung: "Ein Staat, ein Volk, eine Sprache!"

Und wenn Jörg Haider 1984 verkündet: "Man darf sich aber nicht nur damit begnügen, daß dieses Land frei und ungeteilt bleibt. Dieses Land wird nur dann frei sein, wenn es ein deutsches Land sein wird", dann, ja dann kann man den plötzlichen Gesinnungswandel 1995 eigentlich nur überrascht zur Kenntnis nehmen, oder?! Aber sein erklärtes Ziel, bei der nächsten Wahl Bundeskanzler zu werden, ist wahrscheinlich tatsächlich eine "Erklärung". Kein Wunder, daß da viele an Auswanderung denken - aber ist dies der "Weg"? - "weg" von Österreich, womöglich nach Deutschland, weil dort die Sprache gleich ist, das Einkommen besser, das Auskommen bestens...

Noch 1992 konnte der damalige FP-Bundesrat Andreas Mölzer vor dem Freiheitlichen Akademikerverband in Salzburg die Befürchtung äußern, die deutsche Volkes- und Kulturgemeinschaft in der BRD und Österreich habe erstmals in ihrer tausendjährigen Geschichte eine Umvolkung zu befürchten.

Mölzer, jahrelang und bis vor kurzem in leitender Position in der FP, wurde nach seinem "Ausrutscher"(?) von Haider voll rehabilitiert; daß der Begriff der "Umvolkung" nach wie vor in rechtsgerichteten Kreisen gängig ist, steht auf einem anderen Blatt...

"Umvolkung" bedeutete im NS-Vokabular die Möglichkeit "eines inneren einvolkenden Aufgehens und eines geistig-seelischen Verwachsens (Fremdvölkischer)" in das deutsche Volk bzw. dessen Unmöglichkeit "durch rassische Unterschiede". Allerdings: "Rassefremde Völker bzw. ihre Angehörigen volken nicht um, sondern assimilieren. Assimilation (aber) zerstört die rassische Einheit und führt zum Untergang des Volkes."

Die biologisch-rassistische Begrifflichkeit der NS-Zeit ist heute nicht mehr vonnöten. Heute spricht man von Ethnopluralismus, einer kulturellen Abart des Rassismus. Quasibiologisch werden Eigenschaften, Verhaltensweisen, Traditionen und Gebräuche ethnischer Gruppen als unveränderlich postuliert - wobei die Konsequenz dieser Anschauung der Ideologie der NS-Zeit gleicht: Völker sollen unter sich bleiben und nicht durch "Überfremdung" nivelliert werden.

Das heißt, die Ausgrenzungen von Minderheiten laufen über scheinbare Akzeptanz der Eigenarten derselben. In Kärnten hat diese Haltung nun zu einer de facto Apartheid im Bildungswesen geführt!

Die Angst vor der Vereinnahmung durch andere ethnische Gruppen, oder der Versuch, eine eigene Identität zu finden? Aber wie soll das funktionieren ohne Integration unserer Vergangenheiten? Wenn wir von unseren Vorfahren, den Tschechen, den Ungarn, den Italienern, den Sinti und Roma... nichts wissen wollen - geschweige denn, sie innerlich zu unserer Geschichte machen? Daß unsere Großeltern Slowenen, Kroaten... sein könnten, davon wollen wir schon gar nichts wissen. Wir ziehen uns lieber das weiße Deutsch-Mäntelchen über, weiß wie die Unschuld, weiß wie das Nicht-Wissen. "Ich weiß nicht." Das deutsche Mäntelchen ist ganz und gar nicht weiß: es zeichnet sich durch ein eigentümliches "ich weiß nicht" - sprich Verdrängung - aus, ist nicht weise und schon gar nicht unbefleckt - eher braun wie Scheiße.

Man schämt sich seiner Herkunft. Die "Minderwertigkeit" einer Volksgruppe wird durch Klassenunterschiede festgeschrieben. Die Slowenen sind die "Bauern", die "Ungebildeten". Sie haben keine Schriftsprache. Ja, da schämt man sich seiner Sprache, drückt sich lieber in der Mehrheitspache aus, paßt sich an. Minderheiten werden als minderwertig betrachtet.

Der übliche Kommentar dazu lautet etwa: Jeder solle für sich selbst entscheiden dürfen, welcher Volksgruppe er angehören möchte. Tatsächlich gehen die Bevölkerungszahlen der Minderheiten dramatisch zurück, was auf Diskriminierung und erzwungene "Selbstbestimmung" - genannt "freiwillige Assimilation" - zurückzuführen ist. Heute sprechen viele Eltern, die untereinander sehr wohl noch ihre eigene Sprache benutzen, mit ihren Kindern nur mehr Deutsch.

Im Staatsvertrag vom 15. Mai 1955 verpflichtet sich Österreich, zwei Minderheiten besonders zu fördern: die slowenische in Kärnten und die kroatische im Burgenland und in der Steiermark. Nach Artikel 7 haben diese Minderheiten "Anspruch auf Elementarunterricht in slowenischer und kroatischer Sprache und auf eine verhältnismäßige Anzahl eigener Mittelschulen... In den Verwaltungs- und Gerichtsbezirken Kärntens, des Burgenlandes und der Steiermark mit slowenischer, kroatischer oder gemischter Bevölkerung wird die slowenische oder kroatische Sprache zusätzlich zum Deutschen als Amtssprache zugelassen. In solchen Bezirken werden die Bezeichnungen und Aufschriften topographischer Natur sowohl in slowenischer oder kroatischer Sprache wie in Deutsch verfaßt." Doch der Staatsvertrag ist bis heute nicht erfüllt.

Ihre Probleme scheint die Republik Österreich bereits von der Monarchie übernommen zu haben. Der sogenannte Vielvölkerstaat hatte es versäumt, einen Staat für viele Völker auf annehmbare Art und Weise zu repräsentieren.

Am 12.11.1918 wird die Republik Deutsch-Österreich ausgerufen. Der slowenische Nationalrat in Laibach will die Angliederung Kärntens an den neugegründeten S.H.S. Staat, zumindest den überwiegend slowenischsprachigen Teil. Nach dem Abbruch der Verhandlungen besetzen jugoslawische Truppen Südkärnten. Der sogenannte Kärntner Abwehrkampf dauert von November 1918 bis Juni 1919.

Im Juli 1920 wird die Abhaltung einer Volksabstimmung über die zukünftige Zugehörigkeit Südkärntens beschlossen. Am 10. Oktober 1920 stimmen 59 Prozent für Österreich und 41 Prozent für Jugoslawien. "Das Volk Kärntens ist sich seiner Verpflichtung als Grenzlandvolk immer bewußt gewesen."

Mitte März 1938 hat die NSDAP in Kärnten als erstem Bundesland die Übernahme der Regierungsgewalt vollzogen. Die Ortsorganisationen des Kärntner Heimatbundes übernehmen die Vorbereitungen zur "Abstimmung".

Der sogenannten "Wiedervereinigung" fallen die Minderheitenschutzartikel des Staatsvertrages von Saint Germain zum Opfer.

In der Zweiten Republik sind dann folgende einschneidenden Veränderungen erwähnenswert:

1958/59: Nach "Schulstreiks" wird das Schulgesetz bezüglich zweisprachiger Schulen aufgehoben; ab nun muß man sich zum zweisprachigen Unterricht ausdrücklich anmelden, bisher mußte sich vom zweisprachigen Unterricht abmelden, wer nicht daran teilnehmen wollte.

1971/72: Um Bestimmungen des Staatsvertrages Artikel 7 nachzukommen, will die Bundesregierung im zweisprachigen Gebiet zweisprachige Ortstafeln aufstellen. Die Folge ist der sogenannte "Ortstafelsturm": die neuen Ortstafeln werden beschmiert, beschädigt, abmontiert.

1983/84: Der Kärntner Heimatdienst führt ein Volksbegehren zur Schulregelung durch. Die Slowenischunterricht erhaltenden Kinder sollen von den "rein" deutschsprachigen getrennt werden.

Auch heute, gerade heute, 75 Jahre nach der Volksabstimmung und 50 Jahre nach Kriegsende, lernen die Kinder in der Volksschule Das Karntna Hoamatliad "Dort wo Tirol an Salzburg grenzt..." Die ersten drei - ursprünglichen - Strophen beschreiben die Kärntner Landschaft, Quellen, Bäche, Flüsse und ihre Täler. Menschenleere Naturschönheit. Idyllisch à la Humanic-Werbung: "Berge brauchen keine Menschen". Die jeweils letzten Zeilen der drei Strophen lauten 1. "...beginnt mein teures Heimatland." 2. "...dehnt sich mein freundlich Heimatland." 3. "...schließt sich mein liebes Heimatland." Es gibt also am Dreiländereck Großglockner einen Beginn, dann eine Ausdehnung bis zu den Karawanken und endlich ein Umschließen des Lavanttals mit "Pomonens Tempel", dem Reich der römischen (!) Apfelgöttin. Die nach 1920 hinzugedichtete 4. Strophe allerdings ist ein Musterbeispiel faschistoider Ästhetisierung à la Leni Riefenstahl: "Wo Mannesmut und Frauentreu' die Heimat sich erstritt auf's neu', wo man mit Blut die Grenze schrieb und frei in Not und Tod verblieb; hell jubelnd klingt's zur Bergeswand: das ist mein herrlich Heimatland!"

Die Grenze ist mit Blut geschrieben? Gar nichts steht an den Grenzen geschrieben, schon gar nicht mit Blut. Die Grenzen bestehen aus Bergen und Felsen: Geröll, das schwer zu überwinden ist. Und dazu gibt es einen papierenen Staatsvertrag mit Tintenhügeln, Druckerschwärze und Unterschriften: welcher nichts bedeutet, weil ihm keine Bedeutung zugemessen wird. Aber ich und wir alle können in Österreich das Blut der Opfer eines deutschdümmlichen Rechtsextremismus sehen: Briefbomben und andere Bomben, feindselige Attacken gegen Österreicher, gegen in Österreich geborene Kinder, österreichische Kinder, Kinder, die eine nicht-deutsche Sprache sprechen.

Oberwart und Klagenfurt... Mannesmut? Frauentreu? Eine blutgeschriebene Grenze?? Not und Tod????

Die Kinder müssen das Kärntner Heimatlied in der Schule zum Landesfeiertag am 10.Oktober lernen. Es ist ein Fest von "Kärntner Heimatbund" und "Heimatdienst" zur wiederholten Diskriminierung im Sinne von Trennung und Unterscheidung und somit Ausgrenzung einer Volksgruppe, die in der Minderheit lebt.

Österreich und ÖsterreicherInnen

Österreich ist verunsichert. Weitere Briefbomben in diesem Frühsommer. Kann sich noch irgendwer unbeschwert, idealistisch für Minderheiten einsetzen, ohne sich fürchten zu müssen? Oder geht es ohnehin um eine weitergreifende Verunsicherung, geht es um Destabilisierung eines Landes durch Terror? Oder wäre es für die Einzelnen derzeit nicht doch besser, einmal ganz still zu halten, ganz schön (und deutlich) deutsch zu sprechen und zu denken, das Leiberl, mein Leib, ist mir näher als der Rock und alles andere, der Andere... halten wir den Mund, so behalten wir Leib und Leben?

Unlängst, bei einem Symposium in Frankfurt, hat Robert Menasse gesagt: "Österreich müßte sich heute wieder Deutschland anschließen, aber diesmal aus antifaschistischen Gründen." Sehr interessant. Dafür kehrt Jörg Haider der Deutschtümelei den Rücken, im FP-Programm soll das Bekenntnis zur deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft keine Staatszielsetzung mehr sein, denn Haider bekenne sich ebenso zur slowenischen Volksgruppe oder zur kroatischen - also keine minderwertigen Minderheiten mehr - Jörg Haider sieht die Freiheitlichen als die wirkliche patriotische Kraft im Land. Die Partei setze auf die österreichische Identität.

Wie kann Haider so erfolgreich sein, warum taucht so ein Mensch hier und jetzt auf? Welches diskursive Umfeld "schafft" ihn: macht ihn (gibt ihm Macht) und macht ihn - eines Tages vielleicht - fertig (hat mehr Macht)... Haiders Kunst zu vereinnahmen, dem jedenfalls ist Österreich derzeit nicht gewachsen... und zu hoffen bleibt, daß er weiterhin nur Ideen und Symbole vereinnahmt und nicht mehr, nicht das ganze Land... denn Eigennamen, die zu Symbolen wurden, vereinnahmt er bereits (erfolgreich?)... In diese Sparte fällt etwa die Kreisky-Masche. Kreisky habe es in seinen letzten Wochen vorgezogen, mit Haider zu reden und nicht mit Vranitzky; Kreiskys Ideen wären in Ordnung gewesen, warum sollten diese die Freiheitlichen nicht übernehmen? - wer nimmt ihm dies ab?: eine ganze Menge harmloser Menschen, fürchte ich...

Und Haiders weniger harmlose Gefolgsleute können ganz gut zwischen den Zeilen lesen, im Nicht-Ausgesprochenen hören, was er übermitteln will. Wir alle können das, aber die nicht-ausgesprochene Aussage ist schwer angreifbar, sie ist nicht faßbar. Haiders Gesprächsstil ist aalglatt, er nutzt die Kontextabhängigkeit seiner Äußerungen, er windet sich bei jedem Ausrutscher wieder heraus, denn mutmaßliche Absichten sind und müssen immer Unterstellungen bleiben: Suppositionen.

Man muß nicht unbedingt ein Szenario entwerfen, demgemäß Haider mit Waffenfetischisten, Neonazis oder gar Attentätern zusammen an einem Stammtisch in Ferlach hocke und mehr oder minder direkte Instruktionen erteile. Negative Phantasmen von verbissenen, aber sich selbst als Machtlose erachtenden Haiderfeinden verschlechtern nur das politische Klima, können leicht als irrational abgetan werden... Doch Haiders vieldeutige Ausdrucksweise birgt sehr wohl Gefahren: Etwa verstehen viele "normale Bürger" Haiders jüngste Kritik an der Aktion "Nachbar in Not" (Haider: "Es ist nicht akzeptabel, daß sich die Regierung hinstellt und so tut, als würde sie das aus der eigenen Tasche verdoppeln. Die sollen zahlen, und dann soll das noch verdoppelt werden aus dem Steuertopf...") genau so, wie "Profil" Haider festzunageln suchte, was aber nicht gelang (Haider: "wenn man weiß, wieviel bei allen diesen Solidaritätsaktionen Schindluder getrieben wird"): Nämlich "was brauch ma denen da unten hölfen, uns hülft jo a neamd, unsa Göld, das ma sölba brauchn, wird da vapulvat!" (dies als Originalzitat einer Klagenfurterin zu diesem Thema; ein Telefonat unmittelbar nach den Abendnachrichten mit Haider-Stellungnahme).

Aber was tut Haider wirklich? Es gibt genügend Aussagen Haiders, die hinterfragbar, analysierbar, dekonstruierbar sind: indirekte Sprechakte, deren Implikaturen nur im jeweiligen diskursiven Umfeld verständlich werden. Denen man widersprechen kann und soll, mit denen wir nicht übereinstimmen brauchen, können, dürfen. Wir sollten seine Absichtserklärungen kritisch prüfen, nachweisen, daß sie jeder Grundlage entbehren, nicht zu den erklärten Taten führen etc.

Die SchriftstellerInnen jedoch wollen auswandern, denken an Anschluß aus antifaschistischen Gründen, befürworten ein Attentat auf Haider, und wohl noch vieles mehr...? Gerhard Roth stellt schon Überlegungen bezüglich eines "Fluchtplatzes" bei etwaigen Umwälzungen in Österreich an - in Italien wären zu viele Neofaschisten - da bliebe wohl nur mehr Deutschland... Turrini fühlt sich in Österreich so fremd wie anderswo - "da kann ich gleich hierbleiben", oder doch lieber nicht, wenn Österreich aus lauter Nazis besteht?, Jelinek fürchtet flüchten zu müssen, wenn ihr Stück aufgeführt wird; Bernhard läßt testamentarisch seine Stücke für Österreich sperren. Und Handke lebt bereits größtenteils in Frankreich.

Wäre statt des Mottos "Mein Verlag ist ohnehin in Deutschland"?! - nicht lauthalser Widerspruch und intellektueller Widerstand angebracht? Ist der Einsatz wirklich zu hoch, müssen wir tatsächlich um unser Leben fürchten oder ist doch nur Bequemlichkeit zu verlieren und viel zu gewinnen?! Aufmüpfigkeit ist gefragt - und keine Angst! Schließlich leben wir in einer Demokratie. Und so soll es auch bleiben. Auswandern ist nicht die Lösung für diejenigen, die nicht nur jammern, sondern schreien: aufschrei(b)en!

 

erschienen unter dem Titel:
"Die Haßliebe der Österreicher zum Deutschen",
 in: Die Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, Nr.10, Oktober 1995, Bonn

und in längerer Version als Vortag
„Über das seltsame Verhältnis der Österreicher zu den Deutschen“
in der Neuen Wiener Gruppe - Sektion Ästhetik,
Wien 1996 

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