Bildportionen und zwei Dialoge

Ateliergespräche zwischen Georg Lebzelter und Dagmar Travner

 

Werfen sie doch manchen Bildern Fehdehandschuhe an den Kopf, indem sie ihnen ihre Deutung zumuten – womit sie zwischen mir und den Bildern und anderen Deutern Streitgespräche eröffnen.

Walter Seitter, Piero della Francesca, Parallele Farben

Simmering, Juli 2002, im Atelier von Georg Lebzelter. Dieser zeigt der Besucherin Dagmar Travner einen Stapel auf dem Tisch liegender Radierungen aus den Serien „Schlachten“ und „Lichten“

 

Travner: Sehr schön, ja. Da kann man einiges hineinlesen: Die Schlucht, vielleicht sogar Wasser da  drin,  Sonnenstrahlen...

Lebzelter: Ja, Licht interessiert mich dabei sehr stark, das Licht in der Graphik kommt ja vom Papier her, das heißt hier nicht von der Platte, sondern vom Bedruckstoff. Man prägt eigentlich einer Sache die Dunkelheiten ein, die Tiefen und versucht sie selber als Licht mit einzubeziehen.

Travner: Da auch, diese Lichtstellen. Man glaubt einfach, die Sonne bricht so durch!

Lebzelter: Das war auch das, was ich da wollte: ein Durchscheinen! Ich hab so aus der Platte rauspoliert, weil ich mir eben gedacht hab, das ist so in der Natur. Es ist ja klar, dass man sich alle Vorstellungen aus der Wahrnehmung nimmt und sie dann mit dem Material koppelt. Das Ausgangsmaterial, diese toten Rinder haben sich immer mehr in eine Landschaft mutiert und dann ist es eben auch die Landschaft, die sich auflöst in ihrer Fülle, in der Form immer mehr zerfällt. Und dann ging es eben weiter mit dem Licht. Die Reihenfolge – wie wir jetzt blättern – ist chronologisch, 2001 hab ich begonnen. Als Einzelblatt sind sie halt nur bedingt lesbar, eigentlich müssen sie in der Gesamtheit der Serie gesehen werden. Ich hab vier Platten mit vier Zuständen, dann kombinier ich die auf verschiedene Weise, eben durch partielles Einfärben, durch unterschiedliches Wischen, auch durch verschiedene Farbintensität. Wenn ich 4 Platten übereinander drucke und ich drucke die sehr lasierend, das heißt mit viel Transparentweiß in der Farbe, dann sind sie sehr durch-scheinend, fast glasig. Dadurch kann ich die Intensität manipulieren, kann mehr Licht durchlassen. Der Titel  „Lichten“, das kommt eben aus dem Druck- und Arbeitsprozess. Es ist jedes Mal eine neue Versuchsanordnung, gleich einem Labor... Wobei der Tiefdruck ein sehr langsames Medium ist, was das Ganze zwischen den einzelnen Druckvorgängen wieder sehr lang zu mir zurückbringt, und da kann ich das dann wieder reflektieren.

Travner: Werden die Platten auch gegeneinander verdreht?

Lebzelter: Ja, das tu ich auch, es kommen also manche Formen gespiegelt wieder. Es ist ein Spiel... Mich interessiert der Dialog, wenn ich ein Bildmaterial oder eine Idee hernehme und das dann konfrontiere mit dem technischen Vorgang und dem dazugehörigen Material.

Travner: Ich habe versucht, das System zu erkennen, aber das war mir dann doch zu kompliziert

Lebzelter: Ja, es muss ja auch nicht für den Betrachter immer alles zu durchschauen sein. Natürlich, wenn man sich drauf einlässt und sagt: Ich will jetzt wirklich entschlüsseln, wie hat er’s gemacht, dann kann man das machen. Es ist im Resultat natürlich der Herstellungsprozess gespiegelt, festgehalten, durch seine Spuren, und durch das, wie die Farbe am Papier steht oder liegt. Was die Graphik manchmal so spröde macht, ist, dass eben so viele Prozesse dahinterstehen, die man, wenn man sich nicht damit beschäftigt, völlig abwegig und ausgefallen erscheinen. Die aber doch eine ganz wichtige Rolle spielen, weil es kann eben das Bild nur so und nicht anders entstehen.

Travner: Hier ist es ja schon ziemlich ausgelichtet!

Lebzelter: Irgendwann wird vielleicht nichts mehr da sein...

Travner: Jetzt ist doch noch Landschaft dabei, aber schon ein ziemlicher Blick in den Himmel in die weite Unendlichkeit...

Lebzelter: Ja, bei manchen Blättern hab ich da schon das Gefühl, es wird da bald zu einer reinen Wolkenlandschaft, wenn ich nicht aufpasse!

Travner: ... eine Wolkenschicht, da noch nicht, na ja, obwohl man kann sich’s schon vorstellen, dass man aus dem Flugzeug so runterschaut durch die Wolken durch...

Lebzelter: Das ist dann auch interessant, die Frage, welche Position im Raum gibt man sich selber als Betrachter, nicht?

Travner: Seen oder Wasserlandschaft, so Wasser, ganz klares Wasser, wo man reinsieht, in das Riff, oder in den See - und da geht naturgemäß die Sonne unter, da hinten, ganz romantisch!

Lebzelter: [lacht] Ja! Fehlt nur noch ein Liebespaar,

Travner: Das sitzt irgendwo ganz klein versteckt...

Lebzelter: Ja, das sitzt ganz knapp außerhalb des Bildes, gerade im letzten Augenblick diskret zur Seite geschoben...

Travner: Diese beiden Blätter sind schon sehr licht -  ja sehr sehr licht; also die letzten drei sind schon geradezu biblisch!

Lebzelter: Biblisch? Ja, wieso das?

Travner: Ja, so ein bisschen Wüste, ein bisschen Fisch, ein bisschen See Genezareth...

Lebzelter: Ja, ja. Vielleicht, ja. Kann man haben, ja.

Travner: ... Erscheinungen, da oben...

Lebzelter: Ja, kann man haben. Das ist einmal wieder eine Sache, die der Betrachter heranbringt, aber es hat natürlich was Klassisches: Man  möchte gerne eine Sonne, die aus den Wolken hervorkommt, das kann man symbolisch übertragen. Klar, mit dem traditionellen ikonographischen Material arbeitet man ja automatisch. Der Betrachter sieht ein Bild und sagt, das ist eigentlich drinnen... er holt sich sein Wissen, seine Erinnerung in das Bild herein.

Also die Serie ist auch für mich eine sehr große Metamorphose oder besser Weiterentwicklung: Ich war schon bei fast ganz schwarzen Arbeiten, sehr dunklen Sachen angekommen, eben auch bei diesem Extrem. Aus dem extremen, faszinierenden Schwarz, das die Graphik auch hat, habe ich nur wenig Licht herausgelassen. Und jetzt ist das auch bewusst angestrebt in diesen Arbeiten, dass alles vom Weiß ausgeht, vom Licht.

Selber Ort, ein gutes Jahr später, Dialog zu den Tuschearbeiten „Aus einem aufgegebenen Werk“

 

Travner: Das hier, mit dieser Helligkeit, also dem Licht, das da in der Mitte herausscheint, ist besonders faszinierend...

Lebzelter: Ursprünglich war es das gleiche Ausgangsmaterial wie bei den „Schlachten“, das hab ich da aufs Papier übertragen, so als Skelett, und das Fleisch, wenn man so will, war dann praktisch die Tusche. Aber dann hab ich diese Strukturen wieder weggelassen und es sind reine Tuschearbeiten geworden. Zunächst einmal in Schwarzweiß und später auch ein bisschen Farbe, wieder durch diese lasierenden Durchschichten, Durchsichten durch.

Travner: Es gibt ein paar ganz dunkle Stellen, aber doch nur sehr sparsam... Und das hier ist aber färbig, alle sind ein bisschen färbig...

Lebzelter: Ja, diese leichten Braun- und Gelb- und Blautöne, die bilden manchmal so einen Verbindungstrakt zwischen dem Weiß und Schwarz. Da unterstützt dieser leichte Farbton das Leuchten, aber das, was eben wirklich leuchtend hervorkommt, ist ja in Wirklichkeit das, was hinten ist, nämlich das Papier, alles andere ist draufgelegt; und die Zauberei ist aber, dass es für den Betrachter räumlich natürlich genau umgekehrt erscheinen soll.

Travner: Ja, und dadurch hat es etwas von einer Durchsichtigkeit, von einer Transparenz, aber auch von einem Negativbild, weil der Gegenstand ist ja immer hell...

Lebzelter: Er ist ausgespart.

Travner: Wurde da wieder Farbe weggenommen – bei diesem weißen Strich hier?

Lebzelter: Genau so. Die Tusche kann ich ein bisschen im Nachhinein wieder ablösen und wegwischen, da kann ich praktisch das Weiß wieder heraus modellieren aus dem Papier...

Travner: Wie bei den „Lichten“?

Lebzelter: Ja, ähnlich wie bei mir auf der Platte, nicht? Also die Vorgänge sind jetzt zwar viel direkter, natürlich, und sehr viel vielschichtiger, weil ich ja unendlich mehr Grautöne hab, als wenn ich übern Druckstock geh, aber das Prinzip ist an sich sehr ähnlich.

Travner: Die Formen ergeben sich durch die Schwünge in der Zeichenbewegung?

Lebzelter: Naja, die Formen, die tast ich eigentlich aus dem Weiß heraus. Am Anfang sind das eher so graue Flecken, die mir eben von der Bewegung her, die der Arm macht mit dem Pinsel, bestimmte Grundstrukturen vorgeben.

Travner: Aber Skizzen mit Stift, Bleistift oder so machst du nicht?

Lebzelter: Nein, ich hab auch bewusst praktisch keine Vorzeichnung; es sind nur ein paar wenige Linien, die vielleicht zur Einteilung helfen. Es entsteht eigentlich alles aus dem heraus, dass ich mir sag, okay das Papierweiß ist eben das Weiß, das Licht, was mich halt irgendwie schon die ganze Zeit beschäftigt, das bleibt vorne, und ich versenk sozusagen in der Tusche immer mehr die andern Teile darin...

Travner: Ist das hier eigentlich schon fertig, oder...?

Lebzelter: Also mir liegt halt dran, bei jedem Blatt diesen Grenzbereich zwischen diesem Weichen und nicht ganz Entschlüsselbaren und anderseits dem Klaren und scharf Umrissenen zu erwischen, also, das macht möglichst viel an Assoziationen auf, aber es ist auch nicht vage oder unentschieden...

Travner: Ja, es lässt noch Interpretationen offen, das heißt es produziert noch reichlich Text...

Lebzelter: So bin ich dann auch irgendwie seltsam zum Titel gekommen aus dem Beckett-Fragment: „Aus einem aufgegebenen Werk“. Das hat mir einfach so vom Titel her irrsinnig gut gefallen. Weil der eben auch das Fragmentarische oder das nicht Fertig-Werden an einem Werk, an einer Arbeit, beinhaltet... Das musste ich dann natürlich nachlesen, welcher Text sich hinter dem Titel verbirgt. Und da hab ich eben festgestellt, so wie ich das verstanden hab, es gibt eigentlich noch mehr Parallelen: Beckett hat da einen Roman konzipiert, der eben weniger aus einer Geschichte oder einem Handlungsablauf im klassischen Sinn funktioniert, sondern in so Textportionen, die irgendwie mehr auch auf Rhythmus als Struktur, als auf Erzählung hin konzipiert sind. Ein Konzept, das aber dann nie in der Form umgesetzt worden ist. Und er verwendet oft dieses Weiß, auch als Rhythmuswort, und da gibt’s weiße Tiere, und weiße Pferde oder weiße Phantasietiere, die in seinen Träumen vorkommen. Und eben auch weiße Stengel, Schilf, was immer, Schilf, Stengel und solche Sachen, die dann in Sätzen zu Kaskaden angeordnet sind, so hintereinander oder nebeneinander...

Travner: Und genau so wirken auch deine Bilder: Bäume, Äste, ein Geflecht, wie eine Wurzel oder irgendeine Hand... Leiber aus dem Weiß heraus... fallend...

Lebzelter: Der Rhythmus soll eben einer sein, der möglichst fließend ist, möglichst nirgends bricht, also dass das Bild in diesen Schichten überall miteinander verwoben ist, und nicht zerschnitten oder zerfallen. Ja, und jedes Bild ist sozusagen eine Portion dieser Gesamtserie, nicht? Wie ein Portionenroman...

Travner: Da könnte auch wieder eine Figur drin liegen, hier mit den Schultern. Die ist irgendwie umschlungen, oder?

Lebzelter: Ja, ich versuch auch immer, den Raum so zu machen, dass ein Greifen von hinten nach vorn, und von vorn nach hinten passiert; das ist mehr so ein Illusionsmittel, um da in die Tiefe reinzukommen – sozusagen ein Raum-Greifen.

Travner: Sehr kosmisch... mit der Schwärze drumherum!

Lebzelter: Für mich ist es ein Kosmos, in dem es draußen schon schwarz ist, außerhalb des Bildes, das Bild selbst ist quasi eine Lichtung darin.

Travner: Wie eine Tropfsteinhöhle, oder so... genau so schauen die aus. In Griffen, die Selch... äh Fleischkammer...

Lebzelter: [lacht]

Travner: Jaja! So sagen sie dazu... Schinken, Truthahn, Fleischformen, ja Farben eben im Stein... ja, die Bilder werden wirklich immer bunter! Jetzt sag ich schon „bunt“, oje!

Lebzelter: [amüsiert] Jetzt sagt sie schon bunt! Jetzt muss man dann aufpassen...

Nach zwei Ateliergesprächen, Juli 2002 und Oktober 2003,
aus dem O-Ton herausgetastet von Dagmar Travner
erschienen im Katalog "Durchsichten", Jänner 2004

home  

zurück