LUISE WALKER
Faszination
aus "Ein Leben mit der Gitarre"
© 1989 Musikverlag Zimmermann, Frankfurt am Main
Eine längere Korrespondenz zwischen meinem Vater und MIGUEL LLOBET bezüglich seiner Konzerte in Wien führte im Jahre 1922 endlich zu einem befriedigenden Vertragsabschluß mit einer Wiener Konzertdirektion. Die Freunde der Gitarre waren sehr glücklich, den berühmten spanischen Meister hier hören und begrüßen zu dürfen, denn er war es, der die neue TARREGAsche Technik hier bekannt machen, einen völligen Umschwung in der Entwicklung des Solospiels herbeiführen und eine neue Spieltechnik kreieren konnte.

Prof. Jakob Ortner (1879-1959) |
Kurz vor dem Eintreffen Llobets in Wien klappte es nicht mit dem schon längere Zeit vorher reservierten Hotelzimmer, und da zur selben Zeit hier ein Kongreß stattfand, war auch kein anderes entsprechendes, halbwegs zentral gelegenes Quartier aufzutreiben. Nähere Details sind mir nicht mehr erinnerlich. Ich weiß nur noch, daß deshalb unter den Gitarristen einige Aufregung herrschte. Auch der einberufene Ausschuß des neu gegründeten _Wiener Gitarre-Clubs" unter dem Vorsitz meines Vaters zeigte sich ratlos; denn auch meine Eltern konnten, so sehr sie dies gewünscht hätten, Llobet nicht beherbergen, da wir Verwandtenbesuch hatten. Die Blamage war perfekt. Endlich sprach mein damaliger Lehrer, Prof. JAKOB ORTNER, das erlösende Wort: "Leutl'n", sagte er, "der Llobet soll halt bei mir wohnen! ". Ortner, der Ur-Tiroler, mit dem interessanten schwarzgelockten Künstlerkopf, ein Bohemien wie er im Buche steht, bewohnte mit seiner Frau, ebenfalls aus Tirol und Liedsängerin zur Laute, ein großes Atelier in der BöcklinstraBe. Es lag am Rande des Wiener Praters, also dort, wo - nicht nur wie bei ROBERT STOLZ - im Frühling die Bäume blüh'n; Kastanienbäume, mit hohen, weißen Kerzen, und damals war es auch gerade Frühling - Frühling in Wien!
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Am Tage nach der Ankunft des spanischen Meisters sagte Prof. Ortner während einer Gitarre-Stunde (ich befand mich damals in einer Art "Vorbereitungsklasse" an der Staatsakademie fur Musik): "Luiserl, morgen kannst Du mit dem Papa zu mir kommen, den Llobet begrüßen, am besten gleich nach dem Mittagessen!". Etwas Schöneres hatte er mir nicht sagen konnen; es machte mich so verwirrt, daß ich kaum weiterspielen konnte und mich erst beruhigen muBte. Endlich war er da, der Ersehnte, und ich - die kleine Schülerin - durfte ihn in der Nähe sehen und mit ihm vielleicht auch sprechen. Ich konnte kaum einschlafen und hatte eine unruhige Nacht.

Miguel Llobet (1878-1938) |
Wie vereinbart, wanderte ich am nachsten Tag mit meinem Vater, der sich fur diesen feierlichen AnlaB extra freigenommen hatte, zu Ortner in die Böcklinstraße. Bevor wir noch das Atelier, also den eigentlichen Wohnraum betreten hatten, bemerkte ich schon vom Vorraum aus, drinnen in einer Ecke, ein schwarzes monstroses Etwas. Bevor Prof. Ortner oder mein Vater mich zurückhalten konnten, war ich schon an ihnen vorbeigeschlichen, hinein zu dem mich geradezu magisch anziehenden Monster. Näher gekommen, erkannte ich einen schwarzen Herren-Regenschirm von beachtlicher Große, der da aufgespannt lehnte und hinter dem ich - auf einem Sofa liegend - Meister Llobet erblickte, der mich aus verschlafenen Augen anblinzelte. Ich war hingerissen! So rasant in die Intimsphare des Verehrten zu gelangen, hatte ich nicht erwartet. Ich knickste ehrerbietig, und auf mich prasselte ein Schwall französischer Worte, die ich nicht verstand. Wie es dann weiterging, kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Jedenfalls war mein Vater uber diese skurrile Unterkunft alles andere denn erfreut. Wie er es dann doch noch zuwege brachte, ein komfortables Logis aufzutreiben, weiß ich nicht. Er muß gezaubert haben!
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Mir, dem Kind, hat der große Regenschirm jedenfalls mächtig imponiert, denn so ein Ungetüm, aufgespannt vor einem Sofa, hatte ich noch nie gesehen. Die Erinnerung an den köstlichen Anblick des verschlafenen Meisters hinter dem Regenschirm entlockt mir noch heute ein Lächeln.
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