Was es ist:

Ein Café philosophique ist vielmehr:
Unser Café philosophique beruft sich auf die französischen "Philosophes" des 18. Jahrhunderts, die versuchten, sich der Vielfältigkeit der Welt kritisch-fragend zu stellen.

Zitat aus der "Zeit" vom 6.12.1996 über Paris, den Ursprungsort der Cafés philosophiques: "Die französische Hauptstadt hat genau deshalb immer wieder höchst lebhafte intellektuelle Debatten erlebt, weil sie stets Treffpunkte für Denker und Streiter bot."


Aller Anfang ist schwer. Als die Teilnehmer des Café Philosophique im Café Prückel vor zwei Monaten zum ersten Mal zusammentrafen, da war zwar der Publikumszuspruch gewaltig und die Debattierlust enorm. Leider hatten die Veranstalter die Möglichkeit, daß sich auch philosophisch desinteressierte Gäste im Hinterzimmer des genannten Etablissements aufhalten könnten, nicht ausreichend in Betracht gezogen: Das führte in der Folge zu einem zeitweiligen Nebeneinander von hochgeistigem Diskurs und jenen trivialen Hintergrundgeräuschen, die die nicht-philosophierenden Kaffeehausbesucher gedankenlos zu erzeugen pflegen (scharrende Kuchengabeln, vollmundige Ansagen beim Kartenspiel etc.).
Von diesem kleinen Schönheitsfehler, der mittlerweile natürlich behoben wurde (für eine ausreichende Entmischung von Weisheitsfreunden und traditionellen Kaffeehausgästen ist gesorgt), einmal abgesehen, erwies sich allerdings bereits die erste Runde des lose strukturierten Gesprächszirkels als überraschender Erfolg.
Das bezieht sich nicht nur auf die Anzahl der Teilnehmer (mehrere Dutzend), sondern auch und vor allem auf den disziplinierten und dennoch lebhaften Verlauf der Diskussion: Offenbar ist der Bedarf nach einem kultivierten Gedankenaustausch im zwanglosen Rahmen mitnichten eine nur französische Eigenheit. Der Verve und dem Engagement nach zu urteilen, mit dem da im Hinterzimmer zur Sache gegangen wurde, hat die Institution des Cafe Philosophique jedenfalls auch in Wien noch eine beachtliche Zukunft vor sich.
Initiator des Café Philo im Café Prückel ist der Wiener Romanist Karl Riesenhuber, seines Zeichens Professor für Französisch und Italienisch an der "Theresianischen Akademie", der vor zwei Jahren bei einem Parisbesuch zufällig ins "Cafe des Phares" geriet und sich dort die Inspiration holte, eine Wiener Parallelveranstaltung auf die Beine zu stellen.
"Wir wollten eine Begegnungstätte schaffen, die prinzipiell jedermann offensteht. Ob sich nun jemand in bezug auf das vorgeschlagene Thema als Experte oder als Laie sieht, ist gleichgültig", meint Riesenhuber, der das Projekt gemeinsam mit dem Mathematiker Rudolf Taschner und dem Romanisten Reinhart Hosch betreut. "Wir wollen auch kein fertiges Haus, kein Theoriegebäude entwickeln, sondern es geht um eine Bricolage, ein Gedankensammeln, ein Herumprobieren, aus dem vielleicht dann in irgendeinem anderen Zusammenhang mehr werden kann."
Das äußere Setting der einmal pro Monat stattfindenden Veranstaltung ist denkbar einfach: Um das Gespräch in Gang zu bringen, wird ein Impulsreferent eingeladen, danach ist das Publikum am Wort. Bei der Debütveranstaltung, die der Diskussionskultur in Österreich galt, gab der Philosoph Konrad Paul Liessmann erste Denkanstöße; Gesprächsrunde Nummer Zwei ("Globalisierung essen Seele auf") wurde von der Politologin Sonja Puntscher-Riekmann eingeleitet.
Riesenhuber ist dabei nicht der einzige und nicht der erste, der das Pariser Debattenkonzept nach Wien importiert hat: Bereits im Herbst des Vorjahres hatten die Berufsdenker Werner Gabriel, Kurt Walter Seidler, Walter Seitter und Gerhard Weinberger das "Erste Wiener Philosophencafé" im Cafe Lapinski ins Leben gerufen - mit ebenfalls beachtlichem Zuspruch, wie Gabriel, seines Zeichens Assistenzprofessor an der Philosophischen Fakultät der Uni Wien, festhält.
Um die dreißig Teilnehmer hätten an den monatlichen Treffen teilgenommen (Auswahl aus den Debattenthemen: "Geld, Mittel oder Selbstzweck?" "Ist Mutter Teresa ein Narziß?" Eh kloa - Das Problem der Evidenz"). Im Gegensatz zur Gesprächsrunde im Prückel ist die im Lapinski durch größere philosophische Strenge charakterisiert: "Wir verstehen uns nicht als Moderatoren des Gesprächs, aber wir legen doch Wert darauf, daß die Diskussion nicht ins Allgemeine ausartet" (Gabriel).
Daß dem Ersten Wiener Philosophencafé mittlerweile Konkurrenz erwachsen ist und auch anderswo über dem kleinen Braunen oder dem Achtel Rotwein debattiert und philosophiert wird, sieht Gabriel mit einer Geisteshaltung, die dem Denker seit eh und je gut angestanden hat: nämlich mit Gleichmut.
Umso spannender freilich könnte es für das geistig interessierte Wiener Publikum werden, wenn auf dem Gebiet der philosophischen Cafes eine noch weitergehende Diversifikation eintritt. Wer weiß, vielleicht wird es in ein paar Jahren so weit sein, daß jede Denkschule ein Stammcafé ihr eigen nennt (Hegelianer im Hegelhof etc.) und ein Kafeehausbummel künftig einer philosophischen Erkundungsreise gleichkommt. Einer entsprechenden Wiederbelebung der Wiener Kafeehauskultur aus dem Geiste der Philosophie sehen wir mit Spannung entgegen.


CPCP: Liebe zu Kaffee, Café und Diskursivität

"Wissen ist alles." Ist Wissen alles? Nun, zumindest dann, wenn man in Erfahrung bringen will, wann, wo und mit welcher thematischen Fokussierung dieser Satz auf seine Brauchbarkeit hin allmonatlich abgeklopft, durchgeschüttelt und nicht selten für vier Wochen verworfen wird, bis die Watchlist im "Standard" und analoge Ankündigungen im "Falter", im "Spectrum" der "Presse" bzw. auf der Homepage http://www.spinnst.at/cpcp über die nächste Klopf-Schüttelrunde des Café philosophique (CP) am zweiten Freitag jedes Monats (ausgenommen Februar, Juli, August) im Wiener Café Prückel (CP) informieren. Das äußere Ritual dieser Veranstaltung ist einfach: Auf eine kurze Einleitung durch einen der Organisatoren, der als ein vom Thema des Abends weitgehend Unbefangener eine Art Fragenszenario skizziert, folgt das ungefähr halbstündige Impulsreferat eines mit dem Thema weitgehend befassten Gastes und darauf eine gute Stunde möglichst weit gehender Diskussion. Ob übrigens dieses Ritual auch beim 100. Jubiläum des Wiener Café philosophique zur Anwendung kommen wird, soll noch offen bleiben. Tradition ist schließlich kein Selbstzweck. Sie ergibt sich allenfalls.

Allerdings drängt sich im traditionsbesessenen Wien sofort eine andere Frage auf: Ist das Café philosophique der Bundeshauptstadt ein direkter Nachfahre jener Besprechungs- und Digressionskultur, die sich im 20. Jahrhundert in den Literatencafés - von den Dichtern des "Jungen Wien" bis hin zum Kreis um Hans Weigel - nachlesbar etabliert hat? Ja und nein, lautet die bewusst halbherzige Antwort. Nicht zu leugnen ist gewiss die erörterungsfördernde, entspannte Atmosphäre, die beim bezahlten Konsum von Wiener Hochquellwasser in Kaffee- oder Teegestalt entsteht. Sie bildet einen deutlichen Gegensatz zu jenen Schwellenängsten, die manche potentielle Diskutanten nach wie vor gegenüber Institutionen wie Akademien und Universitäten entwickeln. Ob ein/e sich mitteilende/r Fachfrau/mann hinter einem Pult steht oder vor einem "Einspänner" sitzt, ist vielleicht wirklich nicht egal. Nicht nur ihre/seine Rede, sondern auch die Wahrnehmungsqualität der Zuhörenden kann davon entscheidend beeinflusst werden. Wer in dafür vorgesehenen Lokalen beim Sprechen schlürft, darf damit rechnen, dass ihre/seine Rede nicht undifferenziert registriert, sondern im Hinblick auf private Relevanz, d.h. Zustimmungs-, Nuancierungs- und Widerspruchsmöglichkeiten verortet wird. Der Grundstein für eine causerie ist gelegt.

Mit diesem Terminus ist aber auch die eigentlich französische Herkunft des Kaffeehaus-Philosophierens angedeutet. In Frankreich, wo es inzwischen mehr als achtzig solcher Cafés gibt, begann alles mit Marc Sautet, der im Juli 1992 im Café des Phares an der Pariser Place de la Bastille das erste Café philosophique aus der Taufe hob. Er hatte es satt, in universitären Zirkeln auf der Basis staatlicher Remuneration vorzudenken. Was ihn wirklich interessierte, war die Stimulierung und Dynamisierung des institutionsungebundenen Denkens von jederfrau/mann. Sautets Motto: "Menschen dazu ermutigen, für sich selber zu denken und fertig vorgegebene Meinungen in Frage zu stellen." (nachzulesen in "Ein Café für Sokrates", der bei Artemis & Winkler, Düsseldorf, erschienenen deutschen Ausgabe von Sautets einschlägiger Publikation). Sautet starb früh (1998), aber seine Idee hatte sich inzwischen weltweit (sogar auf der südlichen Hemisphäre) verbreitet. Ein in Paris lebender Österreicher, Gunther Gorhan, ist der Leiter der monatlichen Treffen der französischen Café philo-Moderatoren, und er unterhält auch mit den philosophierenden Kaffeehausrunden anderer Länder Kontakte, nicht zuletzt durch den Versand der Zeitschrift Philos (Informationen: hardy*at*club-internet.fr), die philosophische Themen genauso locker angeht wie die Debattiergemeinschaften, aus denen sie hervorgegangen ist. In Österreich selbst etabliert sich 1996 das von universitären Berufsphilosophen organisierte "Erste Wiener Philosophencafé", und im März 1997 wird im Café Prückel das Wiener Café philosophique (CPCP) mit Konrad Paul Liessmann als Impulsredner zum Thema "Ist tabufreies Diskutieren in Österreich tabu?" inauguriert. Im selben Jahr entsteht schließlich in Westösterreich eine - zumindest bezogen auf die Rahmenbedingungen - noch deftigere Form des konsumierenden Debattierens: statt bloß genippt, soll ordentlich zugelangt werden im Gasthaus Weißes Kreuz, wo das Innsbrucker Café (?) philosophique von GeisteswissenschaftlerInnen der Universität am Innrain und einem Buchhändler animiert wird.

Obwohl wir Organisatoren des CPCP (die Autoren dieses Artikels, beide Romanisten, und in den ersten Jahren auch der TU-Mathematikprofessor Rudolf Taschner) von Marc Sautets Konzept unzweifelhaft inspiriert waren, verfolgten und verfolgen wir z.T. andere Ziele mit anderen Praktiken. Da ist einmal der weite Bereich der Themen, der in den meisten Philosophencafés von der klassischen Philosophiegeschichte abgesteckt scheint. Natürlich sollte weiterhin über die großen alten Fragen (z.B. "Für was oder wen bin ich verantwortlich?") vernehmbar nachgedacht werden, aber uns erscheint es griffiger, wenn die Diskussion in diese Fragen einmündet, statt von ihnen auszugehen. So wie die französischen philosophes des 18. Jahrhunderts sich einfach für alles interessierten, "was ist", darf es auch heute legitim sein, die Konkretheit aktueller Gesellschaftsprobleme als Sprungbrett für einen freien Induktionsflug durch den Raum abstrakten Denkens zu nützen, ohne deshalb die Fluglotsendienste professioneller Philosophen von vornherein in Anspruch zu nehmen. Anders gesagt: Wer zwei Stunden lang die Sorgen eines in europäische Gremien eingebundenen Waldschützers, der behutsam sondiert, wie Nachhaltigkeit hergestellt werden könnte, zu teilen oder auch zu zerstreuen sucht, die/der landet unweigerlich bei der Frage nach menschlicher Verantwortung. Mit dem Unterschied bloß, dass diese orthodoxe Frage neu gestellt wurde, vielleicht sogar über den Umweg neuer, unorthodoxer Fragen.

Trotz versuchter weiter Streuung ergeben sich in fünf Jahren CPCP zwangsläufig Themenfelder: Globalisierung und/oder Gerechtigkeit; gesellschaftliche Implikationen der Wissensvermittlung; Deontologie einzelner Berufe wie MedizinerIn, JournalistIn, KomponistIn; Vergangenheitsbewältigung; Paradigmenwechsel im kulturtheoretischen Diskurs; ethische Dimensionen von mathematischen/naturwissenschaftlichen Wirklichkeitsbeschreibungen; Gesellschaftsdefinitionen; Wirkweise von Artefakten wie z.B. Architektur; Weltpolitik (11.09.01) als Kristallisation und/oder Generator normativen Denkens. Die genaue Liste der bisherigen Themen ist bei der eingangs angeführten Internet-Adresse (die übrigens auch mit einem Link für Anregungen, Vorschläge und Kritik ausgestattet ist) nachzulesen. Wenn neben jedem Thema der Name einer/s - mitunter sogar landläufig prominenten - Spezialistin/en steht, so entspringt dies einem doppelten Anliegen. Einerseits soll durch das Impulsreferat einer/s Wissenschaftlerin/s, Politikerin/s oder Praktikerin/s sachfremde Beliebigkeit in der Debatte vermieden werden. Andererseits beabsichtigen wir, unseren referierenden Gästen die Erfahrung zu vermitteln, dass von der Diskussionsrunde unverblümt Fragen formuliert werden, die sich ihnen aufgrund ihrer Eingearbeitetheit vielleicht gar nicht mehr stellen bzw. die zu formulieren auf streng akademischem Boden einen mehr oder minder groben Verstoß gegen wissenschaftliche Benimm-Regeln darstellen würde. Meistens sind das wichtige Fragen. Tatsächlich sind etikettenfreie Denkwerkstätten Orte, wo jede Frage gestellt werden darf. Unter Heim- bzw. Kaffeehauswerkern kann und sollte es zur Bildung von Suchmannschaften kommen, (zu denen gelegentlich sogar diskret zuhörende Ober zählen und) die auf der Basis gegenseitigen Vertrauens Wissen als prestigefreies Werkzeug einsetzen ... kein exklusives, sondern bestenfalls ein ergänzendes Werkzeug, wie sich nicht selten herausstellt. Die geglücktesten Diskussionsmomente sind wahrscheinlich jene, die für einige erlebbar machen, wie sich aus der Kombination von Wissen und Fragen allmählich Diskursivität herausschält - dort, wo es vorher keine gab. - Ob solche Basteleien (bricolage durchaus im Sinne Jean-François Lyotards, des Theoretikers der Postmoderne) auch gruppentherapeutische Wirkung haben - wie das unsere Innsbrucker KollegInnen auf ihrer Homepage (http://www.uibk.ac.at/c/c6/c602/philcaf.html.#info1) vermuten - darf ebenso bezweifelt wie nicht ausgeschlossen werden. Zumindest wird eine Szene belebt, lokale Verkrustung erschwert bis verhindert und ein kleiner Beitrag zur wichtigen Gedankenarbeit einer ... sagen wir's hochtrabend: global-partikulären Neukartierung des Bestehenden geleistet.

Dies scheinbar nur bis zum Anbruch des Abends, denn auch an Café philosophique-Freitagen ist natürlich die Vielfalt des Lebensgeschäfts nicht ganz einfach aufgehoben. Aber wenn während zweier Stunden die Entflechtung jener Antagonismen-Bahnen und Polemisierungsstränge gelingt, die von medialen und anderen Diskursen in unser aller Denken unweigerlich angelegt waren, dann entsteht auch so etwas wie gelebte ungleiche Gleichzeitigkeit: Unter den Linden der Ringstraße streben nach 19 Uhr Menschen, die eben noch gemeinsam diskutiert haben, Orten der Arbeit, der Entspannung, der kulturellen Auseinandersetzung zu, ohne dass deshalb die im Verlauf der Diskussion gesponnenen Fäden alle abreißen würden. Im Gegenteil, durch die sich verändernde Topographie entsteht ein feines Netz, das freilich gute Chancen hat, robuster zu werden, wenn einige Diskutanten, statt gleich auseinander zu gehen, zunächst vom Café Prückel in ein nahe liegendes Restaurant überwechseln, wo sie die Gesprächsrunde fortschreitend diversifizieren, weil gelebte Vielfalt ja auch bedeutet, dem Geschmack der Dinge ein Stück näher zu kommen.

Reinhart Hosch und Karl Riesenhuber

Wann:
jeweils am zweiten Freitag des Monats (außer Februar, Juli, August) um 17h c.t.

Wo:
im Café Prückel: Wien I, Stubenring 24

Ablauf::
5-10-minütige Einleitung durch einen der Organisatoren + ca. halbstündiges Impulsreferat des geladenen Gastes + ca. einstündige Diskussion,
Ende: 19 Uhr; informelle Fortsetzung: im MAK-Restaurant (vis-á-vis vom Café Prückel) ab 19 Uhr mit open end

Wie lange schon:
seit März 1997

Wie lange noch:
Das hängt z. B. von den LeserInnen dieses Infoblattes ab.

Information:
http://www.spinnst.at/cpcp
Der Standard: Watchlist desselben Tages
Die Presse: Spectrum
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Sie?

Initiator:
Karl Riesenhuber

Organisatoren:
Reinhart Hosch (Sprachlehrer, Romanist)
Karl Riesenhuber (Sprachlehrer, Romanist)

Kontakt:
Reinhart Hosch: Tel.: 01/3198194  rhosch*at*hak3.vienna-business-school.at
Karl Riesenhuber: riek*at*theresianum.ac.at


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